London/Washington – Die europäische und die US-amerikanische Arzneibehörde ziehen unterschiedliche Konsequenzen aus den Zwischenergebnissen der SCOUT-Studie. Die EMEA empfahl den Mitgliedsländern am Donnerstag das Ruhen der Zulassung für sibutraminhaltige Arzneimittel. Die FDA beschränkt sich – vorerst – auf eine Konkretisierung der bestehenden Kontraindikationen.
Sibutraminhaltige Arzneimittel wurde 1997 (USA) beziehungsweise 1999 (Europa) zur Behandlung des ernährungsbedingten Übergewichtes zugelassen. Der Serotonin-Noradrenalin-Reuptake-Inhibitor steigert die Konzentration der beiden Neurotransmitter im Gehirn, was nach den Mahlzeiten das Sättigungsgefühl erhöht.
Chemisch ist Sibutramin aber mit Amphetaminen verwandt, die eine kardiale Wirkung haben. Eine Erhöhung von Blutdruck und Herzfrequenz gehören zu den bekannten Nebenwirkungen von Sibutramin. Sicherheitsbedenken waren 2002 aufgetreten. In Italien wurde das Mittel nach zwei Todesfällen vorübergehend vom Markt genommen.
Das Committee for Medicinal Products for Human Use (CHMP) der EMEA kam damals nach einer Prüfung zu dem Ergebnis, dass die Vorteile des Medikaments größer sind als die Risiken. Mit dem Hersteller Abbott wurde jedoch eine Studie vereinbart, welche Wirkung und Sicherheit von Sibutramin bei Patienten mit kardiovaskulären Risiken untersuchen sollte.
Die Sibutramine Cardiovascular Outcome Trial oder SCOUT-Studie wurde noch 2002 begonnen. Etwa 10.000 übergewichtige oder fettleibige Patienten im Alter von 55 Jahren oder älter wurden mit Sibutramin oder Placebo behandelt.
Einschlusskriterium war eine kardiovaskuläre Erkrankung in der Vorgeschichte oder ein Typ-2-Diabetes mellitus oder beides. Es gab eine Reihe von Ausschlusskriterien, zu denen ein kurze Zeit zurückliegender Herzinfarkt oder Schlaganfall, Herzrhythmusstörungen und eine schlecht kontrollierte Herzinsuffizienz gehörten.
Im Oktober wurden erste Zwischenergebnisse bekannt. Das unabhängige Data Safety Monitoring Board teilte den Behörden mit, dass es im Sibutramin-Arm häufiger zu kardiovaskulären Ereignissen, wie zum Beispiel Herzinfarkt oder Schlaganfall, gekommen war als unter Placebo (11,4 vs. 10,0 Prozent). EMEA und FDA sind sich darin einig, dass dieser Anstieg auf den Wirkstoff Sibutramin zurückzuführen ist.
Dennoch fallen Konsequenzen unterschiedlich aus. Für das CHMP ist von Bedeutung, dass die erzielte Gewichtsabnahme verhältnismäßig gering ausfiel und nicht dazu beiträgt, das mit einem Übergewicht verbundene Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken. Es fehlt bei zusätzlichen Risiken ein medizinischer Nutzen des Medikaments. Die Nutzen-Risiko-Bewertung fällt negativ aus, weshalb ein Ruhen der Zulassung empfohlen wird.
Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) rät den Ärzten, keine Verordnungen für sibutraminhaltige Arzneimittel mehr auszustellen. Apotheker sollten diese nicht mehr an Patienten abgeben. Patienten wird empfohlen, den Rat ihres behandelnden Arztes einzuholen, auch dazu, welche Maßnahmen zur Verminderung des Körpergewichtes fortgeführt werden sollten. Sie könnten aber auch ohne ärztliche Beratung zu jeder Zeit die Einnahme beenden.
Die FDA bewertet vorerst nur den Sicherheitsaspekt. Bedenken sieht die US-Behörde nur bei Patienten mit kardiovaskulären Vorerkrankungen. Eine Subgruppenanalyse ergab, dass bei diesen Patienten das Risiko auf weitere kardiovaskuläre Ereignisse tendenziell um 27 Prozent (Hazard Ratio 1,274; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,915-1,774) steigt.
Bei Patienten mit Typ-2-Diabetes mellitus plus kardiovaskulären Vorerkrankungen stieg es signifikant um 18 Prozent (Hazard Ratio 1,182; 1,024-1,354). Bei Patienten mit Typ-2-Diabetes mellitus, aber ohne kardiovaskuläre Vorerkrankungen kam es unter Sibutramin dagegen nicht zu vermehrten kardiovaskulären Ereignissen (Hazard Ratio 1,010; 0,737-1,383).
Für die „reinen“ Typ-2-Diabetiker scheint das Mittel deshalb keine zusätzlichen Risiken zu haben. Die Erstreaktion der FDA besteht deshalb, darin, die Kontraindikationen zu konkretisieren (koronare Herzkrankheit, Schlaganfall oder transitorische ischämische Attacke, Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienz, periphere arterielle Verschlusskrankheit, unkontrollierte Hypertonie).
Eine Marktrücknahme ist nicht vorgesehen, vorerst jedenfalls nicht. Nach der endgültigen Analyse der Daten, die der Hersteller im März 2010 vorstellen will, ist ein Gutachtertagung geplant, auf der es dann sicherlich auch um die Frage gehen wird, welchen medizinischen Sinn die Einnahme von Sibutramin macht, wenn sie nicht kardiovaskulären Folgekrankheiten vorbeugt.
© rme/aerzteblatt.de
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