Providence – Praxispauschalen sollen Kosten einsparen, weil Patienten unnötige Arztbesuche vermeiden. Zumindest bei Senioren kommt es nach den Ergebnissen einer Longitudinalstudie im New England Journal of Medicine (2010; 362: 320-8) jedoch gleichzeitig zu Mehrkosten durch häufigere Krankenhausbehandlungen.
Zuzahlungen für Arztbesuche sind ein verlockendes Instrument zur Kostendämpfung. Sie dienen weniger dazu, den Krankenkassen eine neue Einnahmequelle zu sichern. Sie sollen vielmehr die Nachfrage nach medizinischen Leistungen bremsen, was Ökonomen in zahlreichen Studien nachweisen konnten.
Nach Ansicht von Amal Trivedi von der Brown Universität in Providence/Rhode Island, haben die Forscher die Idee aber nicht bis zum Ende durchgedacht. Es wäre nämlich möglich, dass sich die medizinische Versorgung aus dem relativ kostengünstigen Bereich der ambulanten Behandlung in die wesentlich teuere stationäre Behandlung verlagert, vor allem wenn die Patienten bei ernsten Erkrankungen einen Arztbesuch hinauszögern.
Genau dies zeigt eine Analyse der Medicare-Pläne: Die staatliche Unterstützung der Krankenversorgung für Senioren hat längst das Instrument der “copayments” entdeckt. Der Anteil der Versicherten, die mehr als 15 US-Dollar pro Arztbesuch aus eigener Tasche zahlen müssen, hat sich von 1993 bis 2003 von 0,3 auf 24 Prozent erhöht. Bei den Facharztbesuchen stieg der Anteil sogar von 1,2 auf 63 Prozent der Patienten.
Nach den Berechnungen von Trivedi führte eine Verdopplung im Betrag der “copayments” (von durchschnittlich 7,38 auf 14,38 US-Dollar für Hausarzt- und von 12,66 auf 22,05 US-Dollar für Facharztbesuche) bereits im ersten Jahr zu einem Rückgang der Arztbesuche um fast 20 Prozent.
Gleichzeitig stieg allerdings die Zahl der Hospitalisierungen um 2,2 Prozent und die Klinikaufenthalte verlängerten sich um 13,4 zusätzliche Tage pro 100 Versicherte. Der zusätzliche Aufwand für die stationäre Therapie stellt nach Ansicht von Trivedi den Nutzten der “copayments” infrage.
Nach einer Modellrechnung (in Diskussionsteil der Publikation) sind die zusätzlichen Aufwendungen mindestens doppelt so hoch wie die Einsparungen. Die “copayments” sind seiner Ansicht nach für beide Seiten, Versicherte und Kassen) eine “lose-lose”-Konstellation.
Die jetzigen Ergebnisse stehen allerdings im Widerspruch zu den Erkenntnissen aus dem RAND Health Insurance Experiment, der größten und bisher einzigen randomisierten klinischen Studie zum Einfluss von wirtschaflichen Anreizen auf die Gesundheitskosten: Dort hatten Selbstbeteiligungen der Patienten sowohl die Zahl der Arztbesuche als auch die Klinikeinweisungen gesenkt. Das Experiment wurde allerdings bereits 1982 beendet und ältere Personen waren von der Teilnahme ausgeschlossen. © rme/aerzteblatt.de
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