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Medizin · News

30.11.2006
„Chemo Brain“ – Wie die Chemotherapie Hirnzellen zerstört - Hirnverkleinerung nach adjuvanter Chemotherapie

Rochester/Kashiwa - Die Folgen der Chemotherapie für das Gehirn werden möglicherweise unterschätzt. Experimentelle Studien im Journal of Biology zeigen, dass Stammzellen im Gehirn empfindlicher als Tumorzellen auf häufig eingesetzte Zytostatika reagieren. In der Zeitschrift Cancer berichten japanische Forscher, dass die bisher als wenig aggressiv betrachtete adjuvante Chemotherapie beim Mammakarzinom zu einer (vorübergehenden) Schrumpfung von Hirnregionen führt. 

Hin und wieder berichten Patienten nach einer Chemotherapie über Merkfähigkeits- und Gedächtnisstörungen, leichte Ablenkbarkeit oder Wortfindungsstörungen. Diese kognitiven Defizite sind für Ärzte diagnostisch schwer fassbar und lassen sich bequem als Ausdruck der Krankheit oder der damit verbundenen Sorgen der Patienten deuten. Deshalb war es umstritten, ob es den „Chemo-Fog“ oder auch „Chemo-Brain“ überhaupt gibt, an dessen Symptomen nach unterschiedlichen Studien zwischen 25 Prozent und 82 Prozent der Frauen nach adjuvanter Chemotherapie leiden sollen. 

Letzte Zweifel an der Existenz neuropsychiatrischer Spätfolgen einer Chemotherapie könnte jetzt eine Publikation im Journal of Biology (2006, 5: 22) ausräumen. Joerg Dietrich und Mitarbeiter der Universität Rochester im US-Bundesstaat New York haben die Auswirkungen von drei Chemotherapeutika (Cisplatin, Carmustin und Zytarabin) auf das Gehirn von Mäusen untersucht. Bei Mäusen beobachteten sie nach der Applikation von Mengen, die den in der Krebstherapie verwendeten Dosierungen entsprechen, einen vermehrten Untergang von Hirnzellen in verschiedenen Hirnregionen. Dazu gehörten die subventricularen Zonen, der Gyrus dentatus und der Hippocampus. Letzterer ist auch beim Menschen eine für die Gedächtnisbildung äußerst wichtige Hirnregion. 

In diesen Hirnregionen finden sich auch neuronale Stammzellen, die besonders empfindlich auf Zytostatika reagieren. In weiteren In-vitro-Studien zeigen die Autoren, dass die Lebensfähigkeit von Vorläuferzellen der Oligodendrozyten – im Gehirn unter anderem für die Myelenisierung der Nervenzellen zuständig – durch Cisplatin, Carmustin und Zytarabin um 60 bis 90 Prozent vermindert wird. Die gleiche Dosierung der Zytostatika, die 70 bis 100 Prozent dieser Hirnzellen abtötete, vernichtet nur 40 bis 80 Prozent unterschiedlicher Krebszellen.

Einen weiteren Hinweis auf die Existenz des „Chemo-Brain“ fand die Gruppe um Yosuke Uchitomi vom Nationalen Krebszentrum in Kashiwa/Japan. Die Forscher untersuchten 105 Brustkrebspatientinnen, von denen 51 eine adjuvante Chemotherapie erhalten hatten. Ein Jahr und drei Jahre nach der Operation wurde mittels Kernspintomographie die Hirngröße untersucht. Wie die Forscher jetzt in Cancer (2006; doi: 10.1002/cncr.22368) berichten, war die graue und weiße Hirnsubstanz bei den Frauen, die eine Chemotherapie erhalten hatten, in der ersten Untersuchung in einigen Regionen niedriger als bei den Frauen ohne Chemotherapie.

Zu diesen Regionen gehören präfrontale und parahippocampale Regionen sowie der Gyrus cingulatus und der Precuneus. Einige dieser Regionen sind für die Gedächtnisbildung und kognitive Fähigkeiten wichtig. Die Befunde unterstützen deshalb das Konzept des Chemo-Brain. Andererseits waren bei der Folgeuntersuchung nach drei Jahren keine Unterschiede mehr feststellbar, was dafür spricht, dass es sich um ein vorübergehendes Phänomen handeln könnte. © rme/aerzteblatt.de



Links zum Thema
» PDF des Artikels im Journal of Biology
» Pressemitteilung von Biomed Central
» Abstract der Studie in Cancer
» Pressemitteilung von Cancer
» aerzteblatt.de (09.10.2006) „Chemo-Brain“: Wo die Chemotherapie Spuren im Gehirn hinterlässt


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